Berlin ist eine Stadt mit vielen Zuschreibungen: Provinz und Großstadt, West und Ost, Geschichte und Gegenwart. Da passt es, dass das HAU1 im Juni in einem Performance-Parforce-Ritt aus Berlin Boston macht. Nach David Foster Wallace’s Roman-Ungetüm “Unendlicher Spaß”, das 1,5 Kilogramm wiegt und 1500 Seiten umfasst, werden 24 Stunden lang an acht Tagen 12 utopische Orte der Hauptstadt aufgesucht, an denen 12 verschiedene Theatergruppen vergangenen, Architektur gewordenden Zukunftsentwürfen nachsinnen, darunter Gob Squad, She She Pop oder Anna Viehbrock. Die Ankündigung liest sich so: “Zwischen 10.00 Uhr und 10.00 Uhr morgens am folgenden Tag verwandeln sie den Tennisclub LTTC ‘Rot-Weiß’ mit seinem großen Steffi-Graf-Stadion in die ‘Enfield Tennis Academy’, das Vivantes Klinikum Neukölln in das ‘Ennet House Drug and Alcohol Recovery House’, die Mensa des Fontane-Haus im Märkischen Viertel zum Sitzungsraum der Anonymen Alkoholiker, den Teufelsberg und den Umlaufkanal zu geheimen Treffpunkten Quebecer Separatisten.” So schillert der Alltag auf einmal hin und her, zwischen Fiktion und Realität.

Rote Serie © Boris Mikhailov; VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Dem so kruden wie absurden Alltag ins Gesicht geblickt, hat der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov, geboren 1938 in Charkov, dessen Fotografien noch bis zum 28. Mai in der Berlinischen Galerie zu sehen sind. Mikhailov war eigentlich Ingenieur, der in seiner Freizeit Aktfotos machte. Als ihm das als pornographische Tätigkeit unterstellt wurde, verlor er seine Arbeit. Und überlebte als Künstler, zunächst als Fotograf für private Zwecke, ab den 60er Jahren machte er sich immer mehr einen Namen mit seinen Serien, die teils ironisch, teils makaber den Sowjetismus abbildeten: Das “Schwarze Archiv” zeigt Straßenszenen, auf denen außer Rissen in Häusern und Asphalt nichts los ist, dauergewellte Frauen tanzen des nachts, ihren groben Gesichtern entflieht ein Lachen. Die “Rote Serie” nimmt die Farbe Rot als Gliederungsprinzip, sie taucht auf in Parteiflaggen, aber auch in Jacken und Röcken bei einer Gasmaskenübung in der freien Natur. Schockierend dann die Reportage über die naiven Wochenendausflügler an einem von der Industrie verdreckten Salzsee. Neben Betonrohren umwabert von chemischen Schaumkronen amüsieren sich dickbäuchige und -busige Menschen. Mikhailov inszeniert nichts, er ist ein genauer Beobachter, vielleicht sogar zu genau. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schießt er Panoramafotos des urbanen Elends aus der Hüfte, er stellt Obdachlose vor seine Kamera, die ihre Krankheiten zeigen, Erfrierungen, Beulen, Ödeme, schlecht verheilte Narben, ein Blick auf die nicht-existente medizinische Grundversorgung, “Case History” nennt er das. Und schließlich kommt er 1996 mit einem daad-Stipendium nach Berlin, was seit 2000 sein ständiger Wohnsitz ist. Dort zeigt er, was im alten Westen so los ist: miesepetrige Rentnerpaare auf dem Ku-damm, gut versorgt, aber doch gelangweilt. Nicht so Mikhailov, der Humor und Poesie selbst in der absoluten Tristesse findet. Am besten sichtbar in seiner Serie “Klebrigkeit” aus dem Jahr 1982, von der man sich wünscht, dass sie als Buch erhältlich wäre. Sie entstand in einer Zeit der politischen Kontrolle, in der an ein freies, unangepasstes Leben nicht zu denken war. Sie war “klebrig”. Hier ergänzt er beeinflusst von den Moskauer Konzeptualisten um Ilja Kabakov Schwarz-Weiß-Fotos mit Kommentaren, Beobachtungen, seinem Selbstverständnis und koloriert hier und da nach. Eine fröhlich ihren Rock lüpfende, hüpfende Frau mit Schirm auf einem Sandweg wird ergänzt mit “Spaziergang im Regen / … und noch etwas, ich habe mich hinter irgendjemanden gestellt und bin hinter ihm her gelaufen; und wenn ich vom richtigen Weg abgekommen bin, habe ich mich hinter jemand anderen gestellt.” Ein anderer Kommentar illustriert die kulturelle Eiszeit: “Das Einzige, was noch tröstet … Das Einzige, was mich noch in meinem künstlerischen Schaffen tröstet, sind die folgenden Fragen, die die Milizionäre auf der Straße immer öfter stellen: Wofür ich das fotografiere, ‘was denn daran schön wäre’.”
Schön ist diese Ausstellung mitunter gar nicht, aber sie tröstet, weil sie das zeigt, was das Leben ausmacht, in all seinen Höhen und Tiefen.